Chili und Ingwer für die Inspiration

Gästehaus Strassacker

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Kunstgießerei Strassacker, Gästehaus

Gästehaus Strassacker: Herzlich willkommen

Kennen Sie den? Sitzen ein Galerist, ein Statiker, mehrere Bildhauer und zwei Firmenvertreter an einem Tisch. Nein, daraus wird kein Witz – das ist ein ganz normales Mittagessen im Gästehaus von Strassacker. Die Kunstgießerei in Süßen bietet „ihren“ Künstlern einen ganz besonderen Service: So lange die an ihrem Kunstwerk arbeiten, dürfen sie das Gästehaus nützen.

Die Stimmung an der Staufenecker Straße ist gelöst. Es wird viel gelacht, geplaudert, gestaunt - und gegessen. Heute gibt es Fisch an Reis mit Zucchinisalat, dazu Brot, Guacamole und selbst gemachte Himbeerschorle. „Ich schenk den Künstlern sozusagen die Energie, deshalb mach ich viel Exotisches, mit Chili oder Ingwer – für ganz neue Inspiration.“, sagt Franziska Banzhaff und lacht. Sie sorgt dafür, dass die Künstler im Gästehaus rundum perfekt betreut werden.

Künstlerbetreuung à la Strassacker
Die Bildhauer, die mit Strassacker zusammenarbeiten, bekommen einen ganz besonderen Service geboten: Das Kunstprojekt wird gemeinsam geplant, budgetiert und fertig gestellt. Bei größeren Objekten kümmert sich Strassacker auch noch um den Transport und die Montage des fertigen Kunstwerks. So weit, so normal. Wäre da nicht das Gästehaus: Die Künstler können dort wohnen, bis sie mit ihrer Arbeit fertig sind. Inklusive Kost und herzlicher Betreuung von Franziska Banzhaff: „Ob es für drei Tage - oder für zwei Wochen ist – das ist alles gar kein Problem. Wichtig ist nur, dass sich die Künstler hier wohlfühlen.“

Um 12 Uhr wird gegessen
So ein bisschen Struktur im Tagesablauf verträgt dann aber doch auch ein Künstlerdasein, meint Banzhaff, also gibt es Punkt 12 Uhr Mittagessen: „Typisch schwäbisch eben“. Wenn ein Künstler vor lauter Arbeit das Mittagessen zu verpassen droht, dann wird er aus dem Atelier geholt. Alles ganz unkompliziert, alles ganz herzlich und mit viel Humor, so wie in einer großen Familie eben.

Sonderwünsche? Nicht bei Bildhauern, meint Banzhaff: „Die sind unkompliziert und sehr dankbar. Wenn der Kaffee mal kalt wird, dann wird er eben kalt getrunken.“

Es ist ein Geschenk
Über ein paar Stufen geht es zur Eingangstür des Gästehauses – glänzendes Parkett, Holztäfelungen, schöne Grünpflanzen an der Fensterfront. Dieses Entrée wird dominiert vom mächtigen Esstisch. Jeder, der in das Gästehaus kommt, geht daran vorbei – und wird mit großem Hallo begrüßt. Fast wie in einer WG. „Ich fühle mich sehr wohl hier“, erzählt die englische Künstlerin Sukhi Barber zwischen Hauptgang und Dessert, „wir lachen viel zusammen. Es ist ein tolles Geschenk, ich kann arbeiten, solange ich will - und das Essen ist wunderbar.“

Die Himbeerschorle löst, obwohl alkoholfrei, die Zungen der „Gast-Künstler“: „Weißt Du noch, damals..?“ werden alte Erlebnisse aufgefrischt – und „Was ist denn aus dem Projekt XY geworden?“...

Der österreichische Künstler Gottfried Bechtold inspiziert zusammen mit einem Galeristen und einem Statiker aus Bregenz sein – noch streng geheimes – aktuelles Kunstwerk, das in den Strassacker-Ateliers entsteht. Natürlich sind alle drei wie selbstverständlich zum Mittagessen eingeladen. Und erzählen sich von Bechtolds schnellstem Kunstwerk der Welt, einem Porsche Panamera, bei dem alles, was eigentlich transparent sein sollte, aus Bronze gegossen ist.

Vertrauensbildende Maßnahmen
Über Geld wird zu Tisch nicht gesprochen, versichert der Strassacker-Vertriebsleiter Kunstguss Markus Nehr: „Das Gästehaus hat auch viel mit Vertrauen zu tun“, sagt er, „Der Künstler gibt uns sein Werk ab – und das kann nur in einem persönlichen Dialog funktionieren.“

Bechtold nickt: „Das Gästehaus ist eine Institution, die dankenswerter Weise erhalten wird. Wenn sie normalerweise in eine Firma kommen, dann dürfen's den Auftrag unterschreiben und dann sagt der Verkäufer: 'Sie finden eh alleine hinaus'.“ Bei Strassacker scheinen die Uhren anders zu ticken. Es gehe natürlich auch um's Geschäft, „aber nicht um Produkte, wo ein Fließband durchrauscht“.

Es geht um Handwerk, meint Bechtold, das eben auch mal viel Zeit beanspruchen kann. Zeit, die rund um das Gästehaus intensiv genutzt wird, findet Sukhi Barber: „Ich lebe hier, ich diskutiere die ganze Zeit mit Mitarbeitern, was überhaupt möglich ist. Die bringen dann Ideen ein, es ist ein großer Einfluss von Möglichkeiten.“

Rustikal und charmant
Eine knarzige Holztreppe führt nach oben zu den Gästezimmern. Und nur weil ein Blechschild mahnt „Bitte Arbeitsschuhe ausziehen (Gips!)“ merkt der Besucher, dass er nicht in einem Wohnhaus, sondern in einer Pension ist. Die Einrichtung der neun Zimmer ist mal rustikal, mal filigran – aber immer blitzsauber, charmant arrangiert und original alt. „Die Möbel stammen noch vom Seniorchef Max Strassacker,“ sagt Pressesprecherin Martina Hartwich-Wolf. Im einen Zimmer steht noch das große Doppelbett, in einem anderen der alte, auf Hochglanz polierte Schreibtisch – Einbauschränke, Kommoden - alles von damals.

Besonderer Luxus ist von den Künstlern gar nicht gefragt, meint Hartwich-Wolf: „Wichtig ist vor allem die Nähe zum Atelier, damit sie nicht mitten aus der Arbeit gerissen werden.“

Das Gästehaus als Ideenschmiede
Auch zum Dessert gibt es noch genug Gesprächsstoff, stellt Künstlerbetreuer Andreas Friedel fest: „Die einzelnen Künstler tauschen sich untereinander aus, helfen sich gegenseitig weiter.“

Ist das die Idee, die hinter dem Gästehaus steckt? Ja, unter anderem, meint Friedel, „es entstehen bei den Gesprächen sogar ganz neue Prozesse, weil verschiedene Ideen aufeinandertreffen.“

Konkurrenz spielt im Gästehaus offensichtlich keine Rolle, zu unterschiedlich sind die Stile und Methoden, zu gering die Überschneidungen. „Wenn erfahrene Künstler hier sind, dann sind die sehr großzügig und helfen einem, sich weiter zu entwickeln. Auch die Strassacker-Künstler geben sehr gerne Tipps und helfen.“, sagt Barber. Sie hatte vor einigen Jahren eine spannende Idee zu einem Kunstwerk, von der sie aber nicht wusste, wie sie sie umsetzen könnte, doch „plötzlich, bei einem Gespräch zu etwas ganz anderem, kommt die Lösung.“

Man bleibt ganz fokussiert auf die Arbeit
Beim Espresso sinniert die Tübinger Künstlerin mit englischen Wurzeln, wie positiv sich die Zusammenarbeit mit der Kunstgießerei über die Jahre entwickelt hat. Sie komme immer mit ausgefallenen Ideen und einem Wachsmodell zu Strassacker und frage die Experten dort, ob sie das gießen könnten: „Dann sagen die erst mal 'Uuuuuuh' - und schaffen es dann doch jedes Mal (lacht).“

Die Mittagspause ist beendet, Franziska Banzhaff steht bereit – und alle helfen mit, stellen Geschirr zusammen, räumen ab. Wieder wird gescherzt und geplaudert - und nur ein klein wenig zur Eile gemahnt, immerhin beginnt Punkt 13 Uhr das Bronzegießen.

Sukhi Barber eilt zum Atelier, dort wartet ihr aktuelles Kunstprojekt „Emanation“, eine 2,70 Meter große Figur: „Ich brauche das Gästehaus“, meint sie, „Ich kann anfangen, wann ich will – bis spät abends. Ich muss nicht an Sachen von zuhause denken – und bleibe sehr fokussiert.“

INFO ZUM GÄSTEHAUS

Strassacker hat das frühere Wohnhaus des Seniorchefs Max Strassacker zum Gästehaus für Künstler eingerichtet. Künstler, die länger als einen Tag an ihrem Werk arbeiten, können dort kostenlos übernachten, frühstücken und zu Mittag essen.

Das Gästehaus grenzt direkt an das Strassacker-Werk mit Gießerei und Atelier an, die Künstler haben dort – nach Absprache mit ihren persönlichen Betreuern– freien Zugang und können den Fertigungsprozess ihres Werks sehr intensiv begleiten. Dabei stehen ihnen kompetente Fachkräfte wie Designer, Techniker, Ziseleure oder Patineure zur Seite.

INFO ZU SUKHI BARBER

Sukhi Barber stammt aus Herfortshire, England, heute lebt sie in Tübingen. Die 43jährige Künstlerin lebte 15 Jahre lang in der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu und hatte dort tibetische Kultur und Sprache studiert. Sie bezeichnet ihre Arbeit selbst als sehr meditativ. Ihre Kunstwerke sollen dazu beitragen, die asiatische Philosophie einem westlichen Publikum näher zu bringen, ihre Kunstwerke sollen eine Brücke zwischen den Kulturen des Ostens und des Westens schlagen. Zur Arbeit mit dem Werkstoff Bronze sei sie gekommen, weil dieses Metall warm, erdig und freundlich sei: „Ich arbeite sehr gern filigran, mit Netzwerkstrukuren – und ich schneide sehr viel weg. Und das ist bei der Vorarbeit in Wachs sehr praktisch.“

Bei unserem Besuch arbeitet Sukhi Barber noch an der Skulptur „Emanation“. Die 2,70 Meter hohe Figur ist konzipiert für eine Ausstellung im Internationalen Flughafen von Prag. Ursprünglich hätte die Figur noch größer werden sollen, die Eingangstür zum Flughafen wäre dafür aber zu schmal gewesen.

Emanation“ ist eine große Figur im Schneidersitz, die aus vielen kleinen meditierenden Figuren besteht - die Figuren springen aus dem Herzen und strömen über den ganzen Körper der großen Figur.


INFO ZU GOTTFRIED BECHTOLD

Gottfried Bechtold, Jahrgang 1947, lebt und arbeitet in Hörbranz und Bregenz. Zu den bedeutendsten Werken des österreichischen Künstlers zählt der „Betonporsche“, ein Abguss eines Porsche 911. Das 11 Tonnen schwere Werk sorgte bis Januar 2015 vor dem Rathaus in Singen für großes Aufsehen, es steht inzwischen wieder im Uni-Parkaus in Konstanz. Auch ein weiteres Werk Bechtolds thematisiert Porsche: Ein Panamera wurde so umgestaltet, dass alle durchsichtigen Flächen - wie Windschutzscheibe und Scheinwerferabdeckungen - aus Bronze gegossen wurden. Die 6,90 Meter hohe Bechtoldsche Bronzeskulptur „Ready Maid“ steht seit 2006 auf dem Platz vor dem Festspielhaus Bregenz.

INFO ZU STRASSACKER

Die Kunstgießerei Strassacker wird in vierter Generation von Edith Strassacker geleitet. Das Familienunternehmen arbeitet mit namhaften Künstlern und realisiert anspruchsvolle Skulpturen, Architekturelemente und Großplastiken. Besonders bekannt ist Strassacker für die Gestaltung des Medienpreises „Bambi“. Neben zum Teil spektakulären und populären Kunstwerken wie dem mehrere Tonnen schweren Uwe-Seeler-Bronzefuß oder der weltweit größten Pferdeskulptur „Pegasus & Dragon“ (33 Meter hoch, besteht aus 1.250 Bronzeelementen) ist das zentrale Geschäftsfeld von Strassacker die sakrale Kunst mit zeitgemäßer Grabmalkultur. Dabei liegt das besonderes Augenmerk auf der Verknüpfung von traditionellen Kunsthandwerkstechniken und neuesten Technologien.

Strassacker beschäftigt am Stammhaus in Süßen und im französischen Heimsbrunn 500 Mitarbeiter.

Auftraggeber
Kreissparkasse Göppingen
Kampagne
Magazin "wertsicht" / Qualität im Landkreis Göppingen
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