Mit einem Oldtimer bist Du nie fertig

Oldtimer

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Hans-Peter Maichle, Bestattungsunternehmer

Mit einem Oldtimer bist Du nie fertig“

Früher soll ja alles besser gewesen sein, heißt es. Für Oldtimer trifft das nicht wirklich zu: Sie fahren bei Preis, Technik und Umweltbewusstsein ihren modernen Nachfolgern weit hinterher. Und doch: Spätestens bei der Ausfahrt mit dem Mercedes 300 aus dem Jahr 1954 durch die Geislinger Altstadt wird klar, dass Qualität hier Emotionen meint.

Das Gespräch mit Hans-Peter Maichle, Bestattungsunternehmer und mehrfacher Oldtimerbesitzer aus Geislingen, geht nicht gut los: Das Reporterauto ist nicht frisch gewaschen. „Ich geb's zu, ich habe eine Macke: Bei mir werden jeden Tag die Autos gewaschen.“, behauptet Maichle und tritt auch gleich den Beweis an. Im Hof seines Unternehmens steht ein blitzblank gewienerter Mercedes 300, Baujahr 1954, komplett originalgetreu restauriert, inklusive Röhrenradio, das bis zu 8 Minuten fürs Warmlaufen braucht.

Dieses Auto wird bei mir keinen Regen sehen“, sagt Maichle und gerät ins Schwärmen. Die 300er Modelle tragen den Beinamen „Adenauer“. Der Bundeskanzler habe sich für den Mercedes entschieden, weil er dort mit Hut einsteigen konnte. Probe aufs Exempel: Der Einstieg mit Hut ist nicht ganz leicht, die Rücksitzbank ist aber so weich gefedert, dass jede Menge Kopf- und Hutfreiheit entsteht. Sehr wahrscheinlich sei Adenauer auch tatsächlich mit diesem Exemplar gefahren, immerhin ist im Fond eine Bedieneinheit für Lüftung und Klimaanlage eingebaut.

Sichtbare und hörbare Qualität
Der Oldtimer steckt voller Qualität: Sitze aus hellem Leder, die Armaturen von Echtholz umrahmt, statt getönter Scheiben gibt es eine Rundum-Vorhangstange, um Gardinen einzuhängen. Die Qualität ist aber auch zu hören: „Ich mach hier nur mal die Tür zu.“, kündigt Maichle an. Ein sattes „Klonk“. „Wie wenn ein Banktresor ins Schloss fällt.“

Auf zur Rundfahrt durch Geislingen, garniert mit jeder Menge Geschichten. Zum Beispiel die mit dem Radzierdeckel, der auf einer Probefahrt verloren ging. „Wir haben sogar mit dem Hubschrauber gesucht. Und meine Kinder haben zu Fuß die Felder zwischen Aufhausen und Merklingen abgeklappert.“. Vergebens. Also steckt jetzt nur ein schlecht gemachter Leih-Radzierdeckel links hinten am Weißwandreifen. Geht gar nicht, ärgert sich Maichle und startet den Motor. Seidenweich, sänftenartig, wie auf Wolken geht es in Richtung Altstadt, „Tempo 40 im vierten Gang – hochbeschleunigen – da ruckelt nichts.“ Das Auto läuft extrem gut, solang man nicht einparken muss, ohne Servolenkung „bringst Du Dich mit dem Bock um beim Rückwärtsfahren.“

Die ersten Meter fühlen sich noch seltsam an, so ganz ohne Kopfstützen und ohne Sicherheitsgurt. Doch dann wird die Faszination Oldtimer erfahrbar: Köpfe drehen sich, Passanten zeigen auf den ehrwürdigen Mercedes, Kinder winken, überall bewundernde Blicke.

Nur zum angucken und verlieben
Zwischenstopp Geislinger Altstadt vor einem Fachwerkhaus. Nur so. Um das Auto vor würdiger Kulisse anzugucken. „Das Schönste an einem Oldtimer ist gar nicht mal das Fahren“, sinniert Markus Maichle, der nicht minder oldtimerverrückte Sohn, „das ist vielmehr die Freude, gewisse Ecken anzusehen, sich zu verlieben, das Auto zu putzen, zu polieren, zu streicheln.“

Qualität also, die sich aus Emotionen nährt.
Die Fahrt geht zurück, vorbei an staunenden Geislingern, eine Bekannte ruft auf dem Handy an und scherzt, kaum sitze man im hochherrschaftlichen Wagen, würde man wohl niemanden mehr kennen. Ein Mercedes 300 von 1954 macht also offenbar gute Laune, nicht nur dem Besitzer.

Auf dem Parkplatz stellt Maichle fest, dass Wasser aus dem Kühler tropft. Schulterzuckend meint er: „Mit einem Oldtimer bist Du nie fertig.“ Noch darf der Wagen in der Sonne glitzern. Dann geht es zurück in die Garage. Und Sie wissen ja: Nach der Autowäsche ist vor der Autowäsche.

Auftraggeber
Kreissparkasse Göppingen
Kampagne
Magazin "wertsicht" / Qualität im Landkreis Göppingen
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