Qualität kann man riechen und fühlen

Qualität kann man riechen und fühlen

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Matthias Klaus, Schneidermeister

Qualität kann man riechen und fühlen

Weder schickes Design noch namhaftes Markenlogo sind Garanten für gute Qualität bei Kleidung. Vor allem auf den richtigen Riecher kommt es an, sagt Matthias Klaus, Schneidermeister aus Donzdorf. Sein Leitspruch: Was ich nicht selbst tragen würde, mute ich auch meinen Kunden nicht zu.

Akkurat sieht es aus im Bekleidungshaus Klaus in der Donzdorfer Hauptstraße: Teppichboden, dunkel gehalten, alles hat seinen Platz. Anzughosen in langen Reihen auf drei Ebenen, unzählige Anzüge und Sakkos die Wände entlang, auf Kleiderständern und an Säulen. Dazu Polos und T-Shirts, Hemden, Sweater, Jacken, Krawatten, Schals, Tücher, Accessoires, mehr als 1.000 Herrenjeans und und und. Das Ganze auf 120 Quadratmetern. Es geht eng zu, nebenan wird aber schon eifrig am Anbau gearbeitet. Bis zu 50 Quadratmeter Fläche werden bis Februar 2016 dazu kommen.

Mittendrin im Laden schneidert, berät, ändert, verkauft und entwirft Schneidermeister Matthias Klaus. Beim Thema Bekleidung kommt er richtig in Fahrt, wird emotional, erzählt, zeigt Fotos, steigt Leitern hoch, greift traumwandlerisch sicher nach dem gesuchten Kleidungsstück. „Wir haben auch sehr viele Sondergrößen. Als kleiner Händler musst Du einfach viel Auswahl bieten.“, sagt Klaus und zeigt eine Hose in untersetzter Größe 34.

Und dann gerät er richtig in Fahrt: „Schnell geht immer. Billig geht auch immer. Das Problem kommt dann, wenn das Kleidungsstück länger halten soll.“ Bei manchen T-Shirts lohne es sich noch nicht einmal, sie überhaupt zu waschen. Stoffe reißen, Kleidungsstücke verlieren die Form, Farben verblassen, weg damit.

Immer der Nase nach

Eine Wegwerfmentalität, die Klaus ärgert. Jeder wolle zwar gesund leben, kaufe Bio-Gemüse und informiere sich über gesunde Ernährung – bei der Kleidung achten nur wenige auf die Qualität. Und auf die Herstellung.

Man muss doch nur mal bei manchen Bekleidungsketten reingehen und tief einatmen. Sie riechen sofort die Chemikalien, die ganzen Farben, die reingepresst wurden.“

Der Gedanke, dass Missstände in der Produktion zu Krebserkrankungen, Fehlgeburten und Missbildungen führen, ist Klaus unerträglich. Sein Lösungsvorschlag: „Wenn jeder am Prozess Beteiligte nur 5% seiner Marge abgibt, und wenn jeder Käufer nur einen Euro drauflegt oder statt zwei günstigen ein Shirt in guter Qualität kauft, dann könnte man den Näherinnen in Asien doch helfen.“

Keine Frage des Geldes

Nein, ein teures Kleidungsstück muss nicht zwangsläufig qualitativ besser sein, ein 90 Euro teures Poloshirt sei ja auch nicht gerade aus Gold, sondern aus Baumwolle.

Hochpreisige Teile werden oft im gleichen Werk produziert wie normalpreisige oder Billigteile. Den Unterschied machen die Marke, ein edles Etikett - und eben der Aufschlag aus. „Wenn das Image passt, dann wird auch gekauft“, sinniert Klaus, „Werbung ist oftmals viel wichtiger als die Qualität oder die Haltbarkeit.“

Und: Kleidung wird fast immer über den Preis verkauft. "Von günstiger kann ich aber keine Miete bezahlen, von günstiger kann ich keine Arbeiter bezahlen, von günstiger kann ich keinen Strom zahlen." Es muss ja nicht gleich der maßangefertigte Anzug ab 1.800 Euro aufwärts sein. Einen Anzug, in Deutschland gefertigt, von „normalen Näherinnen mit normalem Gehalt“ gebe es auch schon ab 300 Euro. Da ist dann das gute Gewissen mit dabei.

Sein Tipp: Weg von umweltschädlich hergestellter Billigware, hin zur „Zwischenpreislage“, die bei T-Shirts schon ab 15 bis 20 Euro beginnt.

Und noch ein Tipp: Vertrauen Sie nicht nur auf irgendwelche Labels oder Siegel - oft hilft anfassen. Leichter Stoff bedeutet schlechte Qualität, bedeutet schnell kaputt.

Die Erfahrung macht es aus

Angefangen hat alles mit „Kinderarbeit“ der besonderen Art: Im Alter von drei Jahren legt sich das tapfere Scheiderlein Matthias Klaus eine Hose zurecht, schneidet zu und „plötzlich war es eben eine kurze Hose“, schmunzelt der heute 36jährige. Trotz Fehlstart, der Berufswunsch bleibt und so wird Matthias der siebte Klaus in einer langen Schneidermeisterfamilientradition seit 1778. Mit 16 geht es zur kaufmännischen Ausbildung, danach zum Staatstheater Stuttgart, auf die Meisterschule nach Metzingen, nochmal zwei Jahre Staatstheater – parallel zum eigenen Geschäft in Donzdorf. Eine sehr hektische aber auch tolle Zeit für Klaus. So schnell so viele Anforderungen erfüllen zu müssen, „verschiedenste Farben, Schnitte und Stile für die unterschiedlichsten Aufführungen“, macht kreativ und erfinderisch.

Qualität ist auch eine Frage der Beratung

Klaus wirkt nicht wie Don Quijote, der verzweifelt gegen Windmühlen anrennt und Kostendruck durch Online-Shops und Verkaufssendungen im Fernsehen beklagt: „Wir sind super zufrieden mit unserer Kundschaft. Die wollen in ein kleines Geschäft gehen, sich ausführlich beraten lassen, von echten Menschen, die sich auskennen.“ Die Ehrlichkeit des Verkäufers steht bei Klaus über allem. Also testet er selbst, schlüpft in jedes Teil, begutachtet fachmännisch und verzichtet auch mal: „Was habe ich von einer riesigen Gewinnspanne, wenn der Kunde unzufrieden ist und nie mehr wiederkommt..? Das, was ich nicht anziehen würde oder sonst jemand aus der Familie - das werden wir auch nicht verkaufen.“

Qualität wird passend gemacht

Wenn das Lieblingsteil dann gefunden ist – aber nicht perfekt passt, dann gibt es noch die hauseigene Änderungsschneiderei, „da machen wir es weiter, enger, länger oder kürzer – bis es passt.“ Übrigens: „Kürzer geht immer“, sagt er augenzwinkernd, „länger auch. Bis zu einem gewissen Grad, man muss halt wissen, wie.“

In dem kleinen Nebenraum sitzen also drei gelernte Schneider inmitten von Garnen, Zwirn, Fäden, Kreide, Scheren, Stoffen und Nadeln. Hier legt Klaus sein Jacket ab, krempelt die Ärmel hoch, überschlägt die Beine in den klassischen Schneidersitz und macht sich an die Arbeit. Ruhig, unaufgeregt, gleichmäßig.

Bis der nächste Kunde kommt und er wieder beraten, zeigen, auf Leitern steigen und verkaufen darf.

Auftraggeber
Kreissparkasse Göppingen
Kampagne
Magazin "wertsicht" / Qualität im Landkreis Göppingen
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